20 Oktober 2006

Bizarre Welt: Uran-Bakterien

Was es nicht alles so gibt:
Bacteria Use Radioactive Uranium To Convert Water Molecules To Useable Energy

Researchers from Indiana University Bloomington and eight collaborating institutions report in this week's Science a self-sustaining community of bacteria that live in rocks 2.8 kilometers below Earth's surface. Think that's weird? The bacteria rely on radioactive uranium to convert water molecules to useable energy.
Quelle: Science Daily

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18 Oktober 2006

Wer schön ist, ist auch intelligent...


Quelle: mad paul (cc)

Wissenschaftliche Durchbrüche sind manchmal recht leicht zu fabrizieren. So ist es immer eine gute Idee, sich mit alltäglichen Themen zu beschäftigen und diese bombastisch aufzublasen. Besonders viel Aufmerksamkeit erntet man, wenn man sich mit schlüpfrigen oder eher pikanten Details der menschlichen Existenz beschäftigt. Sagen wir es doch ganz direkt: Sex sells.

Dr. Satoshi Kanazawa beschäftigt sich mit evolutionärer Psychologie und firmiert als Autor von bahnbrechenden Werken wie "Why Men Gamble and Women Buy Shoes. The Evolutionary Psychology of Everyday Human Behaviour". Im Internet kann man sich einen Großteil seiner durch und durch überzeugenden Fachartikel herunterladen.

Besonders angetan hat es mir dabei sein Artikel "Why Beautiful People Are More Intelligent" (pdf), in dem er aufgrund sexueller Selektionskriterien und Paarungsstrategien den Nachweis führen will, dass die Klugen im Lauf der Zeit auch die Hübscheren werden. Andere geistige Ergüsse des Herrn Kanazawa sind etwa "Engineers Have More Sons, Nurses Have More Daughters: An Evolutionary Psychological Extension of Baron-Cohen's Extreme Male Brain Theory of Autism and Its Empirical Implications" (PDF) oder "The Myth of Racial Discrimination in Pay in the United States" (PDF).

Das alles ist noch recht harmlos im Vergleich zu den Aussagen von Oliver Curry, der sich schon einmal Gedanken über die genetische Zukunft der Menschheit und die Penisgröße von Männern im Speziellen im Jahre 3000 macht:
But in the nearer future, humans will evolve in 1,000 years into giants between 6ft and 7ft tall, he predicts, while life-spans will have extended to 120 years, Dr Curry claims.

Physical appearance, driven by indicators of health, youth and fertility, will improve, he says, while men will exhibit symmetrical facial features, look athletic, and have squarer jaws, deeper voices and bigger penises.

Women, on the other hand, will develop lighter, smooth, hairless skin, large clear eyes, pert breasts, glossy hair, and even features, he adds. Racial differences will be ironed out by interbreeding, producing a uniform race of coffee-coloured people."
Ach ja, wer eine seriöse Darstellung der Stärken, Schwächen und Grenzen der evolutionären Psychologie sucht, dem sei das Buch "Sexual Selections: What We Can and Can't Learn about Sex from Animals" von Marlene Zuk wärmstens empfohlen.

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11 September 2006

Die Ökonomie des Toilettendeckels


Quelle: LeChatMachine (cc)

Ein weiterer Beitrag aus der wunderbaren Welt der Wissenschaft. Diesmal gibt es mit den Paper "Up or Down?A Male Economist’s Manifesto on the Toilet Seat Etiquette" (PDF) eine rationale Entscheidungsanalyse darüber, inwieweit sich die Konvention, den Toilettendeckel zu schließen, mit Kosten- und Nutzenargumenten begründen lässt - unter einem maskulinen Blickwinkel. Die Zusammenfassung lautet:
This paper develops an economic analysis of the toilet seat etiquette, that is, whether the toilet seat should be left up or down. I investigate whether there is any efficiency justification for the presumption that men should leave the toilet seat down after use. I find that the “down rule” is inefficient unless there is a large degree of asymmetry in the inconvenience costs of shifting the position of the toilet seat across genders. I show that the “selfish” or the “status quo” rule that leaves the toilet seat in the position used dominates the down rule in a wide range of parameter spaces including the case where the inconvenience costs are the same. The analysis can be applied to other shared facilities that can be customized to each user’s preference.

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10 September 2006

Kritik an "Christiansen" und eine beleidigte Leberwurst


Quelle: gerenm (cc)

"Sabine Christiansen" ist ohne Zweifel ein faszinierendes Medienphänomen: eine Sendung, die vorgibt, sich politische Meinungsbildung auf die Fahne geschrieben zu haben, tatsächlich aber nur eine Plattform für professionelle Selbstdarsteller ist, die seriös klingendes Geplappere und künstlich erzeugte "Debatten" zum Besten geben. Politische Information wird so gut wie nie vermittelt, Argumente werden nicht diskutiert sondern bestenfalls in den Raum gestellt.

Die Positionen sind schon zu Beginn verteilt und im Hinblick auf den obligatorischen Spannungsbogen wunderbar austariert. Da gibt es neben den unverzichtbaren aktiv handelnden und von der Berliner Front berichtenden Politikern - aus Gründen der politischen Neutralität und für jedermann leicht durchzuführenden Überprüfbarkeit setzt man nicht auf Qualität sondern ideologische Ausgeglichenheit - das breite Spektrum der professionellen Politik-Adressaten - mittelständische Unternehmer, Krankenschwestern, Apothekenbesitzer - und das noch größere Angebot an professionellen organisierten Politik-Adressaten wie Gewerkschaftsvertretern oder Vorsitzenden des Elternbeirats. Besonders wertvolle Beiträge leisten üblicherweise die kleinen Männer und Frauen von der Straße, solange sie behutsam an das Medium Fernsehen herangeführt werden, nicht zu oft zu Wort kommen und am besten nur dann gefragt werden, wenn sie so wenig Ahnung von der Thematik haben wie Moderatorin und Publikum zusammen. Für einen reibungslosen Ablauf des Abends sorgen jedoch hauptsächlich journalistische Kollegen, die nicht nur nahezu unbemerkt die Dramaturgie der Sendung durch ihr beherztes Eingreifen garantieren, sondern sich auch als eine Art selbstloser Anwalt des Bürgers verkaufen. Wissenschaftliche Experten und professionelle Deutungsonkel sind ein zweischneidiges Schwert, weil sie oft genug naiverweise glauben, es käme wirklich auf rationale Diskussionen und ernsthafte Argumente an, und damit gefährden sie den eigentlichen Sinn und Zweck der Sendung: Möglichst jeder Zuschauer soll sich mit seinen oft genug verqueren und absurden Ansichten wiederfinden, um am nächsten Morgen genau jene Argumente parat zu haben, die ihm in sein Weltbild passen.

Das ist wahrlich nichts Neues und durch unzählige Seminar- und Magisterarbeiten bestens belegt. Gleichzeitig ist die Sendung populär wie kaum ein anderes Politik-Magazin, und viele Bürger sind allen Ernstes der Meinung, diese Sendung sei wichtig und Politiker könnten aus diesen medialen Schaukämpfen lernen. So kamen Wolfgang Darschin und Camille Zubayr in ihrer Untersuchung zum Thema "Politische Diskussionssendungen und Magazine im Urteil der Zuschauer" zu folgenden Ergebnissen (media perspektiven-Artikel als PDF hier):
Politische Diskussionssendungen werden von den Fernsehzuschauern in Deutschland außerordentlich wohlwollend beurteilt, wobei "Sabine Christiansen", der "Presseclub" und "Berlin Mitte" am besten abschneiden. Nach den Ergebnissen des ARD/ZDF-Trends vom Winter 2001 liegt der Hauptgrund für die Akzeptanz dieser Sendungen in der Prominenz der Diskussionsteilnehmer und in der Aktualität der diskutierten Themen. Fast genau so wichtig für die Akzeptanz der Diskussionssendungen ist ihre Forumsfunktion, die es ermöglicht, die wichtigsten Ansichten zu einem Thema zu verfolgen. Und schließlich spielt die Glaubwürdigkeit und Sachkompetenz der Moderatoren dabei eine wichtige Rolle. (Herborhebungen nicht im Original)
Bleibt nur am Rande zu erwähnen, dass die Zeitschrift "media perspektiven" von den öffentlich-rechtlichen Sendern finanziert wird und auf eine gewisse Art und Weise Auftragsforschung betreibt - kein Wunder, wenn Privatsender üblicherweise nicht gut wegkommen. Wer noch spezieller in die Materie einsteigen will, dem sei der Artikel "Die Moderation politischer Gesprächsrunden im Fernsehen. Eine Inhaltsanalyse von "Sabine Christiansen", "Berlin Mitte", "Presseclub" und "19:zehn" von Tanjev Schultz in "PUBLIZISTIK. Vierteljahreshefte für Kommunikationsforschung", Heft 3/2004, S. 292-318, empfohlen.

Talkshow-Geblubbere ist natürlich im Hinblick auf die tatsächliche Bedeutung für real stattfindende Politik völlig irrelevant und genauso absurd wie der populäre Mumpitz, im Bundestag würden sich Abgeordnete ihre Meinung bilden bzw. wichtige Entscheidungen würden dort gefällt werden. Menschen, die keinen blassen Schimmer von der Arbeit von Ausschüssen haben, nicht wissen, wie ein Parlament funktioniert und was der Unterschied zwischen Fraktionen und Parteien oder zwischen Einspruchs- und Zustimmungsgesetzen, sollte man das nachsehen. Dass Politiker diesen Quatsch allerdings nicht öffentlich richtig stellen, ist da deutlich beängstigender.

Nun hat es jemand tatsächlich gewagt, öffentlich "Sabine Christiansen" zu kritisieren. Lobby Control hat in ihrer Studie "Schaubühne für die Einflussreichen und Meinungsmacher - Der neoliberal geprägte Reformdiskurs bei 'Sabine Christiansen'" darauf hingewiesen, dass systematisch bestimmte Themen vernachlässigt werden, politische ökonomische Positionen unterrepräsentiert sind bzw. eine gewisse politische Stoßrichtung forciert wird. Weiterhin würde man die fachlichen und politischen Hintergründe vieler Gäste nicht erwähnen, wodurch sich Zuschauer kein eigenes Bild über die Neutrität machen könnten. Eine Kurzfassung der Studie findet sich als PDF hier.

Nun ist diese Kritik - neutral betrachtet - in gewissem Sinne naiv und auch übertrieben; jedenfalls dann, wenn man die Idee vertritt, dass es so etwas wie eine repräsentative Auswahl der Gäste überhaupt geben kann und auch sollte. Dennoch: Viel wichtiger und auf jeden Fall positiv hervorzuheben ist, dass es endlich jemand auch öffentlich und nicht nur im akademischen Bereich wagt, der ehemaligen Flugbegleiterin ans Bein zu pinkeln. Die "Zeit" beispielsweise griff den Fall auf und die echauffierte Reaktion der Produktionsgesellschaft lies erwartungsgemäß nicht lange auf sich warten. Wie ein Hund, dem jemand auf den Schwanz getreten ist, spricht man abstrakt von "falscher Datenbasis und realitätsferner Interpretation" und nennt die methodische Vorgehensweise "Fliegenbeinzählen". Das ist nun ein recht armseliges Erwidern und eigentlich unter jedem Niveau. Die Antwort von Lobby Control fällt entsprechend kurz eindeutig aus.

Darf man hoffen, dass damit ein "kritischer Dialog" angestoßen wurde, eine "Debatte, die uns alle betrifft" und bei der "jeder mitreden muss". Was sagt eigentlich die Politik dazu? Um Himmels willen, bitte keine Debatte bei "Christiansen" oder "Maischberger"...

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06 September 2006

Nachtrag: Astrologen zu Pluto-Planeten-Neudefinition

Wie schon von mir an dieser Stelle vermutet, haben sich Astrologen darauf geeinigt, Pluto auch weiterhin als "Planet" in Horoskopen zu berücksichtigen. Der Deutsche Astrologen-Verband kommentiert dies inzwischen so:
Für die Astrologie bleibe dies zunächst ohne Folgen, so Dr. Schubert-Weller. Pluto werde weiterhin in Horoskope eingetragen. Diese würden auch weiterhin im Blick auf das bislang erforschte Bedeutungsumfeld von Pluto, der für Transformation, Verwandlung unter tiefgreifendem Druck, allgemein weitreichende Veränderung stehe, gedeutet.

Auch spezifische Objekte aus dem Asteroidengürtel und dem Kuipergürtel wie Ceres, Pallas, Vesta, Juno, Sedna, Quaoar, aber auch die sogenannten Kentauren, Chiron, Pholus usw. werden auch weiterhin im Blick auf ihre Deutung und Bedeutung im Horoskop erforscht.

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31 August 2006

USA so sozial wie Schweden?


Quelle: Big-E-Mr-G (cc)

Amerikanische Kommentatoren in den Medien haben den denkbar schlechtesten Ruf. Und das aus gutem Grund. Eine bizarre Mischung aus arroganter Überheblichkeit und Universaldilettantismus sorgt dafür, dass Leser oft genug für dumm verkauft werden. Die Wahrheit interessiert da wenig, politischer Standpunkt und das Frisieren von Fakten sind Trumph.

Ein schönes Beispiel dafür, wie jeder Möchtegern-Manipulator Meinungen bewusst oder unbewusst kreieren kann, liefert Tim Worstall. Er beschäftigt sich mit dem Report “The State of Working America” (PDF) des Economic Policy Institute, in dem es um die sozialen Unterschiede in verschiedenen Ländern im Vergleich zu den USA geht. Das Ergebnis des EPI-Reports ist verheerend. Die USA sind in vielen sozialen Bereichen das absolute Schlusslicht, etwa was die Gesundheitsversorgung, Armut von Kindern, Arbeitszeiten usw. angeht. Nirgends in Europa ist die Kluft zwischen Arm und Reich so groß wie in den USA. Wahrlich nichts neues, aber das bekommt man halt für einen Kapitalismus in Reinkultur, und dies wird seitenlang und sehr ausführlich dokumentiert.

Nun hat Worstall beim Überfliegen des Dokuments eine brisante Entdeckung gemacht, die er seinen wirtschaftsliberalen Lesern sofort mitteilen muss. Alles halb so wild - die Armen in den USA sind genauso reich wie diejenigen in Schweden. Da reibt man sich natürlich erst einmal die Augen, vor allem, wenn man sich den Bericht tatsächlich selbst durchgelesen hat (was sämtliche eifrig zustimmenden Kommentatoren auf seiner Homepage natürlich nicht gemacht haben, warum auch die Fakten lesen?). Kern seiner Argumentation ist eine einzige aus dem Zusammenhang gerissene Grafik (Quelle: EPI-Report, S. 24):

Eingetragen ist hier der US-Einkommensmedian (mittels Kaufkraftparität genormt), also das "mittlere" Einkommen, das von 50 % der US-Amerikaner unterschritten bzw. übertroffen wird. Um die Verteilungen zu berücksichtigen, greift man jetzt auf Perzentile zurück. Ein "armer" Bürger ist jemand, der soviel Einkommen besitzt, dass 10 % der nach Größe geordneten Einkommen unter diesem Betrag liegen und 90 % darüber (10-Perzentil), umgekehrt ist ein "reicher" Bürger jemand mit einem Einkommen, dass größer ist als 90 % der Einkommen in einem Land, wobei nur 10 % noch größer sind (90-Perzentil). "Arme" Bürger besitzen nun in den USA ein Einkommen, was 39 % des US-Einkommensmedians beträgt, in Finnland und Schweden sind es 38 % des US-Einkommensmedians.

Was folgt nun daraus? Nach Meinung von Worstall Folgendes:
"The standard of living of the poor in a redistributionist paradise like Finland (or Sweden) seems a fair enough number to use and the USA provides exactly that. Good, the problem's solved. We've provided -- both through the structure of the economy and the various forms of taxation and benefits precisely what we should be -- an acceptable baseline income for the poor."
Natürlich ist das so völliger Quatsch. Richtig ist, dass die USA als Wirtschaftsmacht Nr. 1 ein deutlich höheres Durchschnittseinkommen besitzen als die meisten anderen Staaten, so betrug das mittels Kaufkraftparitäten normierte Durchschnittseinkommen der USA 2004 laut dem Bericht 39.728$, in Deutschland betrug es nur 28.565$, in Schweden 31.801$ und in Finnland 30.50$. Das Medianeinkommen ist dabei übrigens immer selbstverständlich deutlich niedriger. Aber daraus direkt zu folgern, wie gut es Menschen mit einem bestimmten Einkommen in einem jeweiligen Land geht, ist schon deshalb unzulässig, weil etwa Bildung, Gesundheit, Rente, Arbeitslosigkeit usw. je nach Sozialsystem unterschiedlich stark vom eigenen Einkommen bezahlt werden müssen, und die Qualität dieser Sozialleistungen je nach Finanzierung völlig unterschiedlich sein kann. Die Autoren des Berichts erklären auf der nächsten Seite extra (S. 25):
"Four countries—Australia, the United Kingdom, Finland, and Sweden—had household income at the 10th percentile, close to the 39% of the U.S. median. To the extent that these countries provide more social and economic support to their citizens than the United States, these numbers provide a somewhat incomplete comparison regarding the living standards of low-income people. Further in this chapter are figures regarding transfers and social spending, specifically regarding child poverty (Figures 8G and 8H) and health care (Figure 8I). Not surprisingly, high-income households were much better off in the United States (210% of the median income) than in the rest of the countries."
Und da sieht es dann wahrlich gruselig aus:
  • Poverty: the United States has highest levels (z.B.: "The United States stands out as the country with the lowest expenditures and the highest child poverty rate.")
  • Health care: a problem of distribution in the United States (z.B.: "In 2004, about 16% of people in the United States did not have any form of health care insurance coverage.")
Man fragt sich hier schon, ob der Autor überhaupt weiß, wie Sozialstaaten funktionieren. Vermutlich nicht. Problem gelöst? Bei solch trüben Aussichten versteht man schon, warum Politclowns wie Worstall die triste Empirie selektiv präsentieren und dreist in ihrer Interpretation verfälschen müssen. Aber das sollen ja auch schon amerikanische Präsidenten gemacht haben...

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29 August 2006

Klimawandel, Wissenschaft und Medien


Quelle: by St Stev (cc)

Wissenschaftliche Erkenntnis lässt sich schwerlich allgemeinverständlich verkaufen. Einen komplexen Sachverhalt kann man nicht in 90-Sekunden-Häppchen verpacken, den aktuellen Stand der Erkenntnis mit allen offenen Fragen und aktuellen Kontroversen auf den medialen Punkt zu bringen, ist so gut wie unmöglich. Und wenn dann auch noch politische und wirtschaftliche Interessen betroffen sind, blamieren sich die doch recht einseitig geschulten Damen und Herren Ingenieure und Professoren regelmäßig. Journalisten wollen einfache Wahrheiten möglichst reißerisch ihrem Publikum verkaufen, den schwarzen Peter jemandem zuschieben, in drei Sätzen wissen, wie man die Welt rettet und sich spätestens in einem Monat mit einem neuen Thema beschäftigen.

Ein schönes Beispiel hierfür ist die seit Jahrzehnten geführte Debatte um die von Menschen verursachte globale Klimaveränderung. Inzwischen gibt es einen sehr breiten Konsens darüber (PDF) , dass Menschen hieran beteiligt sind - jedenfalls nach den üblichen Kriterien innerhalb der scientific community, in der es selbstverständlich immer abweichende Meinungen gibt, die üblicherweise nicht unter den Tisch gekehrt, sondern ernsthaft diskutiert werden. Die Frage ist eher, inwieweit sie den fachlichen mainstream ernsthaft überzeugen können. Außerhalb dieser abgeschlossenen Gemeinschaft hingegen wird jeder selbsternannte Skeptiker zum mächtigen Gegenargument, jeder Außenseiter bekommt seine fünf Minuten Berühmtheit, und die bizarrsten Verschwörungstheorien erhalten journalistische Aufmerksamkeit. In den USA - wen wundert es - sorgen von der Industrie und PR-Profies gegründete "Institute" für Volksverdummung, über die man selbst mit einem physikalischen Grundkurswissen nur verzweifelt den Kopf schütteln kann.

Leider kennen die wenigsten Journalisten weder die tatsächlichen aktuellen internen Debatten, noch können sie die Seriösität jener Kritiker angemessen beurteilen, und eine "ausbalancierte" oder "demokratische" Darstellung von wissenschaftlichen Phänomenen gibt es nicht. Da mag das auch für Laien verständliche debunking (z.B. PDF und PDF und PDF) populärer Skeptiker-Einwände ein wichtiger Schritt sein, aber spätestens beim nächsten Medienbericht über den "Hockey Stick" oder den Zusammenhang zwischen Solaraktivitäten und Temperatur steht man wieder am Anfang und kann bestenfalls im Internet in öffentlichen Debatten versuchen, kritisch dagegen zu argumentieren.

Und die besten jorunalistischen Absichten verkehren sich ins völlige Gegenteil, wenn Alarmismus an die Stelle seriösen Abwägens tritt. So spricht der Physiker Stefan Rahmstorf in der "Zeit" vom ungeliebten Weder-noch: Medien wollen von den Wissenschaftlern vor allem Sensationen und Katastrophenwarnungen hören. Andere Richtigstellungen zu medialen Dramatisierungen von ihm finden sich hier und hier.

Von daher sind zwei kürzlich erschienene Publikationen äußerst interessant, in denen es um das Thema Medien und Klimawandel geht. In "Mixing Politics and Science in Testing the Hypothesis That Greenhouse Warming Is Causing a Global Increase in Hurricane Intensity (PDF)" in der letzten Ausgabe des Bulletin of the American Meteorological Society (BAMS) beschäftigen sich die Autoren eingehend mit dem Problem, wie man komplexe Hypothesen zum Thema Klimawandel testen kann und wie solche schwierigen Ergebnisse sinnvoll medial kommuniziert werden, auch was die Grenzen des aktuellen Wissensstands angehen. In dem vom Institute for Public Policy Research (IPPR) herausgebenen Bericht "Warm words: How are we telling the climate story and how can we tell it better? (PDF)" hat man sich inhaltsanalytisch mit der Darstellung des Klimawandel-Themas beschäftigt und verschiedene Strategien herausgestellt, wie britische Medien das Thema darstellen. Apokalyptische Szenarien werden dabei als "climate porn" bezeichnet. Angemessene Vorschläge für Wissenschaftler, wie sie mit Medien umgehen sollen, schließen sich an.

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26 August 2006

Manager-Magazin korrigiert Sozialstaat-Stammtischgeschwätz


Quelle: Big-E-Mr-G (cc)

Ehre wem Ehre gebührt. Es ist ja inzwischen in weiten Kreisen schick geworden, das Totenglöckchen des Sozialstaates zu läuten, mehr Mut und Eigenverantwortung einzuklagen und sich über die angeblich immer weiter um sich greifende sog. Mitnahmementalität zu mockieren. Da schockte vor einiger Zeit ein großes Boulevardblatt mit der Behauptung, 41 Prozent der Deutschen würden derzeit vom Staat leben. Was tun? Vielleicht jemanden fragen, der sich mit Statistiken auskennt und nicht den Jorunalistenjob im Kaugummiautomat gezogen hat.

Ausgerechnet das Manager-Magazin stellt unter der Überschrift "Heute leben kaum mehr auf Staatskosten als vor zehn Jahren" klar:
1996 bestritten 41,3 Prozent aller deutschen Haushalte "den überwiegenden Teil" ihres Lebensunterhalts aus öffentlichen Unterstützungsleistungen wie Arbeitslosengeld, Sozialhilfe oder Rente. 2005 waren es nach der jüngsten Auswertung des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden gerade einmal 0,2 Prozent mehr.

Die Meldung, dass 41 Prozent aller Deutschen vom Staat und nicht vom persönlich erarbeiteten Einkommen leben, ist zudem grob verkürzt. 32,2 Prozent aller Haushalte - und nicht der einzelnen Personen - leben größtenteils von den Einkünften eines Rentners oder Pensionärs. Das bedeutet: Leben ein Rentner mit 1500 Euro monatlichen Bezügen und seine Frau mit 1200 Euro Monatseinkommen unter einem Dach, zählt der Haushalt in der Statistik zu jenen, die überwiegend vom Geld des Rentners leben.

Eine Statistik zum überwiegenden Lebensunterhalt der einzelnen Haushaltsmitglieder für das Jahr 2005 bietet das Statistische Bundesamt ebenfalls.. Demnach leben 29,2 Prozent der Bevölkerung (nicht der Deutschen) zum überwiegenden Teil von staatlichen Sozialleistungen, 1996 waren es 27 Prozent."(Hervorhebung nicht im Original)

Wie immer man auch politisch und wirtschaftlich die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme beurteilt - Volksverblödung und das Stammtischgeschwätz abgehalfteter Ex-Manager und Aushilfs-Uni-Dozenten helfen mit Sicherheit nicht weiter.

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Sex, Sex, Sex zum Wochenende


Quelle: feastoffools (cc)

Es gibt Sachen, da reicht die übliche kranke Fantasie kaum aus. Etwa, dass Ober-Terrorist Bin Laden derartig von Witney Houston besessen sein soll, dass er ihren Ehemann umbringen wollte, oder dass ein gewisser Richter Donald Thomson laut Spiegel in den USA zu vier Jahren Haft und 40.000 Dollar Geldstrafe verdonnert wurde, weil er während mehrerer Prozesse mit einer Penispumpe an sich herumspielte. Laut eigenen Angaben geschah dies übrigens "gedankenverloren". Wie das gehen soll, wird wohl sein ewiges Geheimnis bleiben, weniger mysteriös sollte da die Herkunft der Spermaspuren auf dem Richterstuhl, auf seiner Robe und auf dem Teppich sein.

Ein anderer Jurist, Anthony (nicht Joe!) d'Amato ist Jura-Professor an der Northwestern University School of Law, und vertritt die für Europäer allerdings nicht ganz neue Meinung: Porn up, Rape down! (PDF). Ob das im puritanischen Amerika etwas hilft? Man darf daran zweifeln, schließlich muss die gute, 50 Jahre alte BRAVO für amerikanische Internet-Nutzer zensiert werden.

Beim Stichwort Spielzeug darf natürlich der Hinweis auf Open Dildonics nicht fehlen. Nun ja, der technologische Fortschritt geht manchmal recht seltsame Wege.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass auch das Militär oft genug bizarre Ideen in Betracht zog. Man spekulierte über die Entwicklung und den Bau einer Sex Bomb, welche die gegnerischen Soldaten in sexuelle Ekstase mit großer Wollust zu sexuellen Handlungen miteinander bringen sollte. Abgeschottet von normal denkenden Wissenschaftlern (und Frauen!) und ohne die sonst übliche offenen Fachdiskussionn, aber immer mit dem Beschaffen von noch mehr Geldern beschäftigt, kommt man fast automatisch auf wahnwitzige Ideen und verfasst tolle als "streng geheim" klassifizierte Arbeitsberichte und Projektbeschreibungen. Ein Problem, was die Damen und Herren Verschwörungstheoretiker anscheinend nicht kennen, wenn sie im Internet nach vermeintlich verheimlichtem Wissen googlen. Die russische Parapsychologie zu Zeiten des Kalten Krieges lieferte ähnlichen Mumpitz.

Demnächst mehr zu Ann Coulter und anderen merkwürdigen Blondinen...

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25 August 2006

Baseball-Vorhersagen


Quelle: gunga din (cc)

Was so alles unter dem Deckmäntelchen akademischer Freiheiten publiziert wird, darf man außenstehenden Steuerzahlern gar nicht erzählen. Keine Angst, meine Datenbank ist prall gefüllt mit solchen bizarren Publikationen...

Predicting Baseball Home Run Records Using Exponential Frequency Distributions
Authors: D. J. Kelley, J. R. Mureika, J. A. Phillips

A new model, which uses the frequency of individuals' annual home run totals, is employed to predict future home run totals and records in Major League Baseball. Complete home run frequency data from 1903--2005 is analyzed, resulting in annual exponential distributions whose changes can be a used as a measure of progression in the sport and serve as a basis against which record-setting performances can be compared. We show that there is an 80% chance that Barry Bonds' current 73 home run record will be broken in the next 10 years, despite the longevity of previous records held by baseball legends Babe Ruth and Roger Marris.

Hier geht's zum Volltext

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Demographische Panikmache


Quelle: bullish1974 (cc)

Schreckensmeldungen wirken besonders bedrohlich, wenn mit vermeintlich handfesten Zahlen und Statistiken herumjongliert wird. Allerdings verfügen die meisten populären Autoren wie ihre Leser bestenfalls über die Mathematikkenntnisse eines Oberstufenschülers. Bestes Beispiel hierfür sind die mehr als fragwürdigen Alarmmeldungen über die angeblich drohende demographische Katatstrophe in good old Germany.

Konkret wollte ein bestimmter FAZ-Schöngeist, der Germanistik, Anglistik, Literatur und Philosophie studiert hat, noch einmal einen echten Bestseller landen. Daran ist natürlich nichts auszusetzen, allerdings dürften die wenigsten seiner Leser wissen, dass schon sein Vorgängerwerk beim fachkundigen Publikum auf wenig Gegenliebe gestoßen war und entsprechend hart die medial kaum wahrgenommene Kritik am neuen Buch (z.B. hier) ausfiel. Was dann kam, kennt man allerdings nur zur Genüge. Jede publizistische Pappnase hängt sich an den allgemeinen Trend, ein großes Boulevardblatt spekuliert über das Aussterben der Deutschen spätestens im Jahre 2300, Politiker geben zumeist belangloses Zeugs von sich, und der mit der Materie vertraute Leser hofft, dass bald die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird bzw. dass der eine oder andere Leser gelassen Erich Kästners "Patriotische Bettgespräche" liest.

Anscheinend ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, dass man sich einmal in Ruhe mit der Materie befasst. Seriöse Schätzungen gab es übrigens schon im Jahre 2003, als das Statistische Bundesamt seine 10. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung für das Jahr 2050 (!) vorstellte (PDF). Demnach wird die Bevölkerungszahl im Jahre 2050 zwischen 67 und 81 Millionen betragen. Zur Erinnerung: Ende 2000 hatte Deutschland 82,3 Millionen Einwohner und damit etwa 22,5 Millionen mehr als kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. "Der Spiegel" - keineswegs populistischem Alarmismus abgeneigt - stellt kurz und schmerzlos die Fakten zusammen. Da haben auf einmal nicht mehr 40 Prozent aller Akademikerinnen keine Kinder mehr, sondern schätzungsweise nur 25 (was "Die Zeit" allerdings schon vor einem Jahr richtig stellte), und mit dem deutschen Schlusslicht in Sachen Fertilität ist's auch nicht weit bestellt. Man kann es nicht of genug wiederholen:
"Auch für die Sozialsysteme führten wachsende Zahlen an Rentnern und eine schrumpfende junge Generation nicht automatisch zum Kollaps. Problematischer für die Sozialkassen sei die hohe Arbeitslosigkeit."

So ist es heute und vermutlich auch im Jahre 2050 mit kontinuierlich an veränderten Arbeitsmärkten angepassten Sozialsystemen: Der demografische Wandel - vom Gespenst und Mythos zur Chance (PDF). Und um an dieser Stelle gleich beliebtes linkes bzw. rechtes "Allgemeingut" in Frage zu stellen: Weder ein forcierter Zuzug von Ausländern (kritisch: PDF) noch eine "gesteigerte Gebährleistung" einheimischer Frauen (kritisch: PDF) kann nach Meinung seriöser Ökonomen einen substanziellen Beitrag zum Rentensystem leisten. Nichts gegen Ausländer und Frauen mit Kindern - vermutlich haben wir von beiden Gruppen zuwenig in einem modernen Deutschland. Aber bitte nicht als angebliche "Notwendigkeiten" ideologischer Politik. Das ist nicht nur ziemlich zynisch, sondern funktioniert so nicht.

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Pluto ist kein Planet mehr - (k)ein Problem für die Astrologen?


Quelle: Nasa

Der wissenschaftlich-technologische Fortschritt hat interessante Konsequenzen. Die International Astronomical Union hat sich auf eine neue Definition geeinigt, was zukünftig unter einem Planeten zu verstehen ist, und als Folge davon ist Pluto kein echter Planet mehr, sondern nur noch ein Zwergplanet. Demnach ist ein Himmelskörper ein Planet, wenn er sich auf einer Bahn um die Sonne befindet und über eine ausreichende Masse verfügt, um durch seine Eigengravitation eine annähernd runde Form (hydrostatisches Gleichgewicht) zu bilden und die Umgebung seiner Bahn bereinigt hat (was bei Pluto nicht der Fall ist) und kein Mond ist. Der alte Merkspruch "Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Paneten." gilt folglich nicht mehr. Der Widerstand im Netz formiert sich bereits, zumindest gibt's schon lustige T-Shirts zu kaufen.

Warum diese Neudefinition? Weil man inzwischen diverse Kleinstkörper wie etwa das Objekt 2003 UB313 ("Xena") entdeckt hat und die klassische Planetendefinition schlicht und ergreifend zu unscharf ist, um Ordnung ins Chaos zu bringen.

Nun diskutieren einige Leute die Frage, ob das denn für die Astrologen von Vor- oder Nachteil wäre. Sind alle bisherigen Horoskope falsch oder brechen finanzielle goldene Zeiten an, weil man sämtliche Berechnungen und Deutungen wiederholen muss?

Die Antwort ist recht einfach: Astrologen dürften keinerlei Schwierigkeiten mit dieser Neudefinition haben, weil sie sowieso nicht an physikalischen Eigenschaften von Himmelskörpern interessiert sind, sondern nur an abstrakten (und für Ungläubige wie meine Person schwer nachvollziehbaren) symbolischen Bedeutungen. So wurden schon bisher keine Planetenmonde bei der Deutung berücksichtig, hingegen gehört die Berücksichtigung des rein rechnerisch auffindbaren Mondknotens zum üblichen Prozedere. Vermutlich wird es aber in den nächsten Wochen tiefgründige astrologische Debatten darüber geben, warum ausgerechnet jetzt diese Neuklassifikation stattfand - unter astrologischen Gesichtspunkten, versteht sich...

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